50 Jahre Gruppe 47

Albert Vigoleis Thelen und seine Frau Beatrice (Copyright: Leo Fiethen)

Genau 50 Jahre ist es her, dass die Gruppe 47 in der “Pulvermühle” bei Waischenfeld zu ihren letzten Treffen zusammengekommen ist. Über Gruppe 47 ist viel gesagt und geschrieben worden.

1953 trat der Schriftsteller Albert Vigoleis Thelen bei der Gruppe 47 in Bebenhausen auf. Er kam zusammen mit dem niederländischen Verleger Geert Van Oorschot.

Thelen las aus seinem Buch “Die Insel des zweiten Gesichts”. Das Buch schildert den Aufenthalt Thelens und seiner Frau Beatrice während der Jahre 1931–1936 auf Mallorca. Siegfried Lenz sagte über dieses Buch: “Wenn ein Buch wirklich verdient, ein Ereignis genannt zu werden, dann dies”. Das Buch war eines der Lieblingsbücher Thomas Manns. Er nannte es eines der drei größten Bücher dieses Jahrhunderts.

Auf einer CD aus dem Archiv von Literaturwissenschaftler Jürgen Pütz erinnert sich der Schriftsteller Albert Vigoleis Thelen im Alter von 80 Jahren an seinen Auftritt bei der Gruppe 47. Oktober 1953: Gemeinsam mit Verleger Van Oorschot trifft Thelen in Bebenhausen ein. Hans Werner Richter empfängt den 50jährigen Thelen distanziert und feindselig. Schon beim Frühstück spottet Richter über den Umfang von dessen mitgebrachtem Werk. Als Thelen schließlich lesen soll, wird Richter noch spöttischer:

Und dann beklettert Hans Werner Richter, der beklettert das Podium, es war eine Klettermöglichkeit da, er stand jedenfalls hinter seinem Pult und sagte den Leuten: Also jetzt liest ein unbekannter Mann – wie heißt er schon wieder? – und dann nimmt er den Zettel und hatte den Namen, und dann wurde ein paar Mal mein Name vom Zettel herunter gelesen. Und: Vollkommen unbekannt, also bitte kommen Sie nach vorne. Und das war mir alles übel, das war mir unangenehm, das war eine widerliche Angelegenheit.

Doch Thelen fängt sich. Die Zuhörer lauschen ihm eine Stunde. Er gewinnt ein sicheres Gefühl, das sein Vortrag den Anwesenden gefällt.

Was ich gelesen hatte war gut, meiner Meinung nach. Und dann geht der Werner Richter wieder ans Pult, lassen wir ihn ruhig noch mal klettern, da kletterte er wieder sein Pult rauf und geht dahin, und dann sagt er: “Also gut, was wir da gehört haben, ist der Text eines umfangreichen Buches von dem und dem. Und das ist ein Emigrant, und dementsprechend ist das Emigrantendeutsch. Das muss natürlich, wenn so etwas je erscheinen sollte …” – da rief der Oorschot dazwischen (er verstand das so weit): “Erscheinen sollte? (…) Also das erscheint bei mir!” – Und da sagte der Richter: “… ja, das muss dann natürlich überarbeitet werden.

Die Abkanzlung durch Hans Werner Richter trifft Thelen sehr. Mit großer Scheu hält er sich von nun an vom Literaturbetrieb fern. Auch dies ein Grund dafür, dass nur noch die wenigsten wissen, wer Albert Vigoleis Thelen war. Nur eine einzige Buchhandlung in Palma führt seine Bücher. Nicht Thelens sprachgewaltige Insel des zweiten Gesichts , sondern George Sands sarkastische Abrechnung “Ein Winter auf Mallorca” gilt fälschlicherweise als der Mallorca-Roman par excellence. Und in Deutschland ist Thelen ein Exot. Weder Metzlers Literaturlexikon noch Frenzels Daten deutscher Dichtung kennen seinen Namen. Lokalisiert man den Platz Thelens in der deutschen Literaturgeschichte nach 1945, so kann die Antwort nur lauten: Genau daneben.

Martin Walser
Der Schrifsteller Martin Walser sagte in einer Diskussionsrunde über die „Gruppe 47“, die am 16.6.2007 bei Phoenix ausgestrahlt wurde, (weitere Teilnehmer: Günter Grass, Joachim Kaiser, Moderation: Wolfgang Herles) folgendes:

1953 in Bebenhausen hat ein Autor, gut, ich bin nicht Reich-Rancki, also meide ich Superlative, gelesen, Albert Vigoleis Thelen (Zwischenruf von Joachim Kaiser: ,Oh ja!’), Die Insel des zweiten Gesichts. Eines der großen Prosabücher, die es gibt. Hans Werner Richter hat sich total vertan in seinem Sensorium. Hat ihn praktisch, was er sonst ja nicht üblicherweise getan hat, hat praktisch sofort die Kritik an sich gerissen und hat gesagt – ich zitiere das ungern – ,Dieses Emigrantendeutsch brauchen wir nicht’.

Dann hat, Gott sei Dank, du auch (zu Kaiser), du und Andersch, Andersch hat gesagt, ,nimm dich zusammen Hans Werner Richter’. Und du, obwohl du erst das zweite Mal da warst, hast den Vigoleis Thelen getröstet und hast gesagt, was Papa Richter da gesagt hat, lassen Sie sich nicht anfechten’.

Solche Szenen von äußerster Peinlichkeit muß es also in diesem Spontaneitätszirkus auch gegeben haben. Und deswegen müßt ihr nicht nur Verklärung betreiben. Ihr könnt auch ein bißchen Realismus walten lassen. (Beifall)

Quelle:
deutschlandfunk.de

vigoleis.de

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