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Offene Augen

Während seiner Arbeit an dem Gedichtband Offene Augen war Remco Campert als Dichter und Schriftsteller der Gegenwart auch Zeuge der Bilder von Terroristen und Diktatoren und ebenso von unschuldigen Menschen auf der Flucht. Das trieb ihn an zu Gedichten wie Aleppo, Asylsuchende und natürlich Offene Augen. Er konnte sich dem Thema einfach nicht entziehen. In einem Interview in De Volkskrant sagt er, dass Poesie nicht mehr ausschließlich von der eigenen Innenwelt handeln dürfe, dass er vielmehr seinen Blick auf das richten müsse, was in der Außenwelt vor sich geht: Durch das, was sich dort abspielte, konnte ich einfach nicht anders. Szenen, die ich nie mit trocknen Augen ansehen konnte. Ich beschloss, meine Poesie in den Dienst von etwas zu stellen.

In Notiz heißt es bei ihm:

Ich sah einen kleinen jungen
fassungslos saß er auf einem stuhl
bedeckt mit blut

und nennt die Täter: Assads mörderbande. Er schließt mit den Worten:

dies gedicht hilft ihm nicht
doch es ist notiert

Remco Campert gilt nicht als religiöser Dichter, doch einige Gedichte beschwören Bilder herauf, die dem nahe kommen, wie beispielsweise Nacht:

ich bin allein im weltall
wach sitzend
sterne fallen
ich schwebe bewegungslos
durchs weltall

Sein Abscheu gegen Grausamkeiten ist eindeutig, noch dazu, wenn die im Namen irgendeiner Religion verübt werden. Bereits im ersten Gedicht dieser Sammlung, Zaventem, wo er an das Selbstmordattentat auf dem Brüsseler Flughafen erinnert, bezieht er unmissverständlich Stellung:

bombengürtel umgeschnallt
plusterten die bärte sich rechtschaffen auf
lupenrein und gnadenlos in ihrer jagd auf jungfrauen

werden wir auch so paradiessüchtig sein?
gott erbarme dich
und schaffe religion ab

Offene Augen
Erschienen: Juni 2023
Gedichte. Aus dem Niederländischen von Marianne Holberg
Verlag: Edition Rugerop
Preis: € 15
Edition Rugerup

Marsman und Achterberg: Alfred Schreiber gewinnt James Brockway Prize

Alfred Schreibers Übersetzung Land ohne Ende mit Texten von Hendrik Marsman und Gerrit Achterberg wurde mit dem James Brockway Prize 2023 ausgezeichnet. Das gab der Nederlandse Letterenfonds heute bekannt. Der zweijährliche Preis wird ihm am 11. Juni während des Poesiefestivals Poetry International in Rotterdam überreicht.

Der australische Schriftsteller, Dichter und Übersetzer David Colmer gewann den James Brockway Preis 2021 für seine Übersetzungen niederländischer Lyrik ins Englische.

Der James Brockway Prize ist ein Übersetzungspreis, der auf dem Gebiet der niederländischen Lyrik im Ausland verliehen wird. Der Preis ist nach James Brockway benannt, einem bekannten Übersetzer und Dichter, der sich auf die niederländische Literatur spezialisiert hat. Der Preis wird normalerweise an Übersetzerinnen und Übersetzer verliehen, die herausragende Arbeit bei der Übertragung niederländischer Lyrik in andere Sprachen geleistet haben. Er soll die Verbreitung der niederländischen Literatur im Ausland fördern und die Anerkennung für die Kunst des literarischen Übersetzens würdigen.

Beschreibung Buch

Hendrik Marsman (1899-1940) und Gerrit Achterberg (1905-1962), zwei prägende Gestalten der niederländischen Dichtung des 20. Jahrhunderts, werden hier erstmals in einer Zusammenschau vorgestellt, die dem deutschsprachigen Publikum wesentliche Aspekte ihres Schaffens zugänglich macht.

Mit seinen von ekstatischem Lebensgefühl durchdrungenen Gedichten, die Liebe und Tod umkreisen, wurde der »Vitalist« Marsman schon um 1925 für eine ganze Generation junger Autoren zur Leitfigur. Nach künstlerischer Krise und Neubesinnung bemühte er sich zunehmend um Objektivität und um die Idee einer aus dem Geist mittelmeerisch-europäischer Kultur erneuerten Harmonie menschlicher Gemeinschaft. Der Tod erscheint in ihr als eine Seite einer größeren, ganzheitlichen Lebenswirklichkeit.

Für Achterberg war der Tod geradezu eine vertraute Sphäre, in der zur Ruhe und zu Wort kommt, was sich im gewöhnlichen Leben nicht erfüllen kann. Seine Existenz war tragisch, nicht zuletzt durch ein 1937 begangenes Tötungsdelikt. Obsessiv kreist sein Schaffen um ein Hauptthema: erneut – gleichsam auf mystische Weise – der toten Geliebten im Gedicht zu begegnen. Seine magisch in den Unfarben des Todes leuchtenden Verse machen sie zu einem der ungewöhnlichsten Zeugnisse niederländischer Dichtung.

Kurz vor Marsmans Unfalltod begann ein freundschaftlicher Briefwechsel beider Männer mit der Ankündigung Marsmans, man werde sich wohl bald auch persönlich treffen. Das hat sich nicht mehr ergeben. Die Doppel-Anthologie möchte dies – auf der Ebene ihrer Werke – nachholen.

Leseprobe (Hendrik Marsman)

Erinnerung an Holland

An Holland denk ich,
sehe breite Flüsse
durch grenzenloses Tiefland
träge ziehn,
Reihen undenkbar
lichter Pappeln
hohen Federn gleich
zum Horizonte ziehn;
und im gewaltigen
Raum versunken
die Bauernhöfe
übers Land verstreut,
Baumgruppen, Dörfer,
gedrungene Türme,
Kirchen und Ulmen
in stolzer Verbundenheit.
Die Luft hängt tief
und die Sonne wird langsam
erstickt im schimmernden Dunst,
grau und verschwommen,
und allerorten
wird die Stimme des Wassers
und sein ewiges Unheil
gefürchtet und vernommen.

Land ohne Ende
226 Seiten
€24,90
Verlag: Edition Rugerup

Edition Rugerup

Die Edition Rugerup wurde 2005 von der Herausgeberin und Übersetzerin Margitt Lehbert gegründet. Der Schwerpunkt des Verlags liegt auf internationaler, vor allem angelsächsischer und skandinavischer Lyrik in deutscher Übersetzung oder in zweisprachigen Ausgaben. Sitz des Verlags war bis 2010 Schweden, seit 2011 befindet sich der Verlag in Berlin.

2016 erschien Remco Camperts Roman Hôtel du Nord, übersetzt von Marianne Holberg. Im Sommer 2023 erscheint Camperts Gedichtband Offene Augen, ebenfalls übersetzt von Marianne Holberg.

Alfred Schreiber wint Brockway Prize 2023

De James Brockway Prize – een oeuvreprijs voor poëzievertalers uit het Nederlands – is dit jaar toegekend aan de Duitse vertaler Alfred Schreiber. Dat maakte het Nederlands Letterenfonds vandaag bekend.

Deze onderscheiding, ingesteld en georganiseerd door het Nederlands Letterenfonds, is gedoteerd met een bedrag van 5.000 euro en zal worden uitgereikt op de komende editie van het Poetry International Festival in Rotterdam, op zondag 11 juni.

‘Hier is iemand aan het werk die zich enorm heeft verdiept in het oeuvre van de betreffende klassieke Nederlandse dichters, iemand die zag dat de vertaling aan bepaalde, hele hoge kwaliteiten moet voldoen om het werk toegankelijk te maken voor Duitstalige lezers. Dankzij zijn toewijding aan de tekst, maar ook zijn opmerkingen bij de gedichten achterin de bundel, vallen Hendrik Marsman en Gerrit Achterberg te ontdekken in het Duits, en dat in volle glorie’, aldus de jury.

De bekroonde bundel is Land ohne Ende, een keuze uit het werk van Gerrit Achterberg en H. Marsman, verschenen in 2016 bij Edition Rugerup, die eerder in het Duits vertaald werk uitgaf van Remco Campert, Frans Budé en Leonard Nolens. De laureaat Alfred Schreiber is emeritus hoogleraar wiskunde en didactiek aan de Universiteit van Flensburg. Hij heeft bloemlezingen samengesteld, dichtbundels en essays gepubliceerd en Spaanse en Nederlandse poëzie vertaald.

Naast de winnaar wil de jury een eervolle vermelding maken van het werk van de in 2022 overleden vertaler Rosemarie Still. Zij vertaalde poëzie van Hugo Claus, Hans Faverey, Erik Lindner, Geert Buelens, Paul Bogaert en Lucebert. Haar inzet voor de Nederlandstalige literatuur in het Duitse taalgebied en haar vinden van een eigen Duitse stem voor de door haar vertaalde schrijvers en dichters is indrukwekkend.

De jury bestond deze keer uit Christoph Buchwald (uitgever), Anna Eble (literatuurwetenschapper, vertaler en redacteur) en Gregor Seferens (vertaler, winnaar van de James Brockway Prize in 2007).

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